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Oft hat ESN im vergangenen Jahr von unseren Mitgliedern von den Herausforderungen gehört, die die Flüchtlingskriese für öffentliche und soziale Dienste in ihren Kommunen mit sich gebracht hat. Daraufhin haben wir beschlossen, uns näher mit dem Thema auseinanderzusetzen und herauszufinden, wie genau diese Herausforderungen im europäischen Vergleich aussehen, wie sie angegangen werden können und welche Art der Unterstützung dafür notwendig ist. Wir befragten unsere Mitgliedsorganisationen und erhielten insgesamt 55 Antworten aus 17 europäischen Ländern.

Wie bekannt ist die Anzahl der aufgenommenen Flüchtlinge in europäischen Staaten sehr unterschiedlich und nur in wenigen Ländern hat die Zahl im Jahr 2015 so stark zugenommen, dass von einer „Krise“ gesprochen werden kann, wie ein neuer Bericht des Europarlaments zeigt. Folglich haben viele unserer Mitglieder, vor allem in den ost- und zentraleuropaischen Ländern (ausgenommen Ungarn), dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Portugal, Spanien, Italien und Irland, keinen oder nur einen geringen Anstieg in der Zahl schutzsuchender Menschen in ihren Kommunen erlebt.

Mitglieder aus Schweden, Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Finnland und Ungarn dagegen berichten von großen Herausforderungen, vor allen Dingen die Bereitstellung von Wohnunterkünften betreffend, die gerade in Städten mit ohnehin überlasteten Wohnungsmärkten und einem geringen Kontingent von Sozialwohnungen ein großes Problem darstellt, welches bislang ohne große, oftmals unzureichende Sammelunterkünfte nicht zu lösen scheint aber keine dauerhafte Lösung sein kann.

Die hohe Anzahl von unbegleiteten Minderjährigen, für die Unterkunft, Schulunterricht, finanzielle Unterstützung, ein Vormund, Betreuung oder eine Pflegefamilie gefunden werden muss, ist eine besondere Herausforderung mit der sich viele Kommunen überfordert fühlen. In Schweden, zum Beispiel, werden ungefähr 25% der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge vermisst und laut Schwedischer Migrationsbehörde sind sie besonders gefährdet, Opfer von Menschenhandel zu werden. Aufgrund der Überlastung sind schwedische Kommunen oft nicht mehr in der Lage Hinweisen auf Gewalt oder Gefährdung der jungen Flüchtlinge nachzugehen.

Sprachbarrieren, Personalmangel, unklare Informationen über die (erwartete) Anzahl von Flüchtlingen, Unterstützungsmöglichkeiten und rechtlichen Regelungen, und unzureichende Trainingsmöglichkeiten für Angestellte der öffentlichen Sozialdienste wurden als die größten Barrieren in der Bewältigung der Situation und der Umsetzung von lokalen Initiativen empfunden. Gerade in ländlichen Regionen fehlt es an Dolmetschern und Ressourcen zur Förderung des Spracherwerbs und viele soziale Dienste, zum Beispiel Gesundheitsversorgung, Traumatherapien, Arbeits- und Ausbildungsvermittlung sowie Schulunterricht, sind deshalb schwerer bereitzustellen.

Viele Kommunen berichten, dass ohne die Unterstützung von Freiwilligen und Wohltätigkeitsorganisationen viele wichtige Hilfen für die Neuankömmlinge, zum Beispiel Kleidung, Möbel, Unterstützung bei Behördengängen, Sprachhilfe und verschiedene Integrationsprojekte, nicht oder nur bedingt möglich wären.