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Covid-19 und Kinderschutz – Herausforderungen bewältigen und Zukunft planen mithilfe der Kindergarantie

Ein europäischer Pakt für Kinder [als Teil eines Konjunkturprogramms gegen die negativen Folgen von Covid-19] ist für alle finanziell vernünftig. Kinder sind die Zukunft Europas, und Investitionen in ihrer Zukunft bedeuten, in Europa zu investieren“, sagt der Europaabgeordnete Dragos Pislaru (Renew Europe). Die Covid-19-Krise verändert weiterhin unserer Lebensweise und vor allem wirkt sie sich auf die Art und Weise aus, wie das Sozialwesen künftig in der Lage sein wird, auf die Bedürfnisse der Schwächsten einzugehen und eine fortlaufende Betreuung sozial besonders benachteiligter Kinder und Jugendlicher sicherzustellen. Zweifellos wird die Krise die Zukunftsplanungen sozialer Dienste beeinflussen. Um zu verstehen, vor welchen Herausforderungen soziale Dienste momentan stehen und welche Lösungsansätze sie erarbeitet haben, hat das Europäische Soziales Netzwerk (ESN) am 22. Mai ein Webinar zum Thema „Covid-19 und Kinderschutz – Herausforderungen bewältigen und Zukunft planen mithilfe der Kindergarantie“ veranstaltet. Ziel des Webinars war es, sich mit öffentlichen Einrichtungen für Kinder- und Jugendschutz, Wissenschaftlern und dem Europäischen Parlament darüber auszutauschen, was wir aus der gegenwärtigen Krise für die zukünftige Planung zur Unterstützung und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen lernen können, und vor allem, wie wir diese Vorhaben über die verfügbaren nationalen und europäischen Instrumente fördern können.

Soziale Dienste und Covid-19 – Herausforderungen und Lösungsansätze

Eine Sozialarbeiterin sagte uns: «In diesen Tagen rufen wir Familien nur noch an, praktisch tun wir nichts für sie, und trotzdem sind sie uns sehr dankbar.» Teresa und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter telefonieren regelmäßig mit den Familien, einfach um zu fragen, wie es ihnen geht, und sie haben das Gefühl, dass sie keine Hilfe leisten. Tatsächlich bieten sie keine Hilfe an, sondern sind anwesend, was viel mehr ist. Prof. Milani, Universität Padua.

„Viele Kinder und Jugendliche werden vom Covid-19-Lockdown erheblich und über eine längere Zeit betroffen sein“, sagt Iona Colvin, kommissarische Direktorin für Kinder und Familie der schottischen Regierung. Die Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe bei der Bewältigung von Covid-19 sind vielfältig und schwierig. ESN-Mitglieder berichteten von einem allgemeinen Rückgang der Fallzahlen im Kinder- und Jugendschutz zu Beginn der Pandemie, seitdem aber melden sie einen stetigen Anstieg auf das gleiche Niveau wie im Jahr 2019, wobei erwartet wird, dass diese Werte im Jahr 2020 noch übertroffen werden. Als wesentliche Gründe dafür wurden die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hervorgehoben, die sich aus der sozialen Distanzierung, einer Zunahme der häuslichen Gewalt bzw. Misshandlung von Kindern (um ca. 70 % bei Kindern unter sechs Jahren) sowie dem Wegfall des Familieneinkommens ergeben. In anderen nationalen Kontexten wiesen ESN-Mitglieder auf die uneinheitliche oder fehlende Koordination zwischen den Akteuren im Kinder- und Jugendschutz auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene hin. „Ganz allgemein können wir sagen, dass es in der Governance [Steuerung, Koordinierung, Entscheidungsfindung und Umsetzung] ein großes Maß an regionaler Disparität und Ungleichheit sowie eine mangelnde Wirksamkeit der Top-down und Bottom-up Prozesse gibt, denn es gibt unterschiedliche Verwaltungsebenen auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene”, so Dr. Marie-Paule Martin-Blachais von der Ecole de la Protection de l’Enfance. Darüber hinaus herrschte in den Einrichtungen Unverständnis unter dem Betreuungspersonal darüber, wie es die Kinder in ihrer Obhut unterstützen soll, die normalerweise die Schule besuchen würden, wo es dies aufgrund der Situation jedoch nicht tun könne. Ergänzend dazu erklärte Professor Paola Milani von der Universität Padua: „Die fehlenden Angebote bezüglich der Entwicklungsbedürfnisse von Kindern und die daraus resultierenden verschiedenen Formen von Vernachlässigung und bildungsbezogener, sozialer und wirtschaftlicher Armut haben schwerwiegende dauerhafte Auswirkungen auf zahlreiche Dimensionen der Entwicklung.“

Aus der Krise lernen – Zukunftsplanung für die Kinder- und Jugendhilfe

„Wir alle stehen vor ähnlichen Problemen und Herausforderungen, aber dies ist eine Gelegenheit, eine bessere Kinder-, Jugend- und Familienpolitik aufzubauen und in die Praxis umzusetzen“, so Prof. Paola Milani von der Universität Padua. Weitgehend einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber, wie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aus der Krise Lehren ziehen können. Dieser Konsens lässt sich in drei Handlungsfeldern zusammenfassen. Erstens geht es darum, die Reichweite und die gemeindenahen Dienstleistungen zu verbessern, um eine kontinuierliche Betreuung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten. „In Zukunft brauchen wir ein rasches Wachstum von gemeindenahen Aktivitäten zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien, um eine kontinuierliche Unterstützung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten“, sagte Iona Colvin, kommissarische Direktorin für Kinder und Familie der schottischen Regierung. Zweitens ist die Entwicklung eines ganzheitlichen systemischen Arbeitskonzepts notwendig, und zwar nicht nur in Bezug auf die Maßnahmen der staatlichen Behörden in den Bereichen Bildung und Gesundheit, sondern auch unter Einbeziehung der kommerziellen und gemeinnützigen freien Träger. „Wir brauchen die Beteiligung der Zivilgesellschaft [und anderer Akteure], um den öffentlichen Diensten und gemeinnützigen Einrichtungen an vorderster Front zu helfen und sie zu unterstützen“, meinte Dr. Marie-Paule Martin-Blachais von der Ecole de la Protection de l’Enfance. Und drittens wurde hervorgehoben, wie wichtig es ist, die Beschäftigten so zu qualifizieren, dass sie den Bedürfnissen und Herausforderungen in dieser Situation und in potenziell ähnlichen Gegebenheiten in Zukunft besser gewachsen sind. In den Beiträgen wurde betont, dass neue Weiterbildungsangebote erforderlich seien, um neuartige Methoden für eine engere Zusammenarbeit mit den Familien einzusetzen, neue Technologien zu nutzen und Richtlinien für das Verhalten bei Telefongesprächen und anderen Arten von Kommunikationsmedien vorzugeben. Insbesondere für Italien wird die Krise als Gelegenheit gesehen, ein Gesetz zur Stärkung von Familien und Kindern zu schaffen, das „den sektorübergreifenden und mehrdimensionalen Charakter der Interventionen bekräftigt und die Bereiche Förderung, Prävention und Schutz einbindet“, meinte Prof. Paola Milani von der Universität Padua.

Bedürfnisse von Kindern auf europäischer Ebene berücksichtigen

Der Europaabgeordnete Dragos Pislaru betonte in seiner Rede die Bedeutung der Kindergarantie, insbesondere im Rahmen des Konjunkturprogramms für Europa. Breiter Konsens herrschte darüber, dass der Fokus des Konjunkturprogramms auf Kinder gerichtet sein müsse, wie es in der „Kindergarantie“ sowie in der vorangegangenen Empfehlung „Investitionen in Kinder: Den Kreislauf der Benachteiligung durchbrechen“ aus dem Jahr 2013 angeregt wird. Allerdings erweist sich die Umsetzung auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene als problematisch. Pislaru schlug daher einen dreigleisigen Ansatz vor. Erstens ist eine offene Diskussion zur Zukunft der Kinder [in Europa] erforderlich, d.h. eine Diskussion darüber, wie man sowohl Bildungs- als auch Sozialinvestitionen in Kinder tätigt und sicherstellt, dass sie gleiche Rechte genießen. Zweitens muss die kommunale Ebene berücksichtigt und dabei der Fokus auf eine notwendige Partnerschaft und gegenseitige Ergänzung von staatlichen Behörden und kommerziellen wie gemeinnützigen Trägern gerichtet werden, um die Schwierigkeiten und Probleme von Kindern gemeinsam zu lösen. Drittens sollte man sich darauf konzentrieren, jene Projekte und Programm zu fördern und auszuweiten, die sich als wirksam erwiesen haben.

Schlussfolgerungen

„Wie wir aus dieser [Pandemie] lernen, wenn wir den Ausstieg aus dem Lockdown beginnen, ist wichtig, denn wir können nicht in unsere früheren Echokammern zurückkehren.“ Iona Colvin, kommissarische Direktorin für Kinder und Familie der schottischen Regierung.

Folgende Schlussfolgerungen wurden gezogen, um die Kinder- und Jugendhilfe in Zukunft besser in die Lage zu versetzen, Kinder und Jugendliche zu schützen und zu unterstützen. Erstens bedarf es einer koordinierten Vorgehensweise: In nationalen und lokalen Kontexten haben wir erlebt, wie verschiedene Bereiche zusammenkommen, um einen stärker aufeinander abgestimmten Weg zur Unterstützung und zum Schutz von Kindern zu gehen.

Zweitens müssen wir verstehen, wie sich die Beschränkungen auf Kinder auswirken: Längere Einschränkungen wirken sich nicht nur auf das Wohlbefinden der Kinder aus, sondern auch darauf, ob Kinder die Welt in ihrer Sicht als Ort des Staunens und der Freude oder als einen gefährlichen Raum voller Risiken verinnerlichen.

Drittens gibt es erhöhte Risikofaktoren: ein zunehmendes Armutsrisiko aufgrund von Arbeitslosigkeit, die Nähe zu Gewalttätern und somit verstärktem häuslichen Missbrauch und vermehrter häuslicher Gewalt sowie die Unterbrechung von kontinuierlicher Betreuung, Bildungswegen und medizinischer Versorgung.

Schließlich ist es notwendig, die Institutionen zu stärken: koordinierte Maßnahmen, zukünftige Interventionen auf Basis gelebter Erfahrung/Expertise und neuer Modelle der Community Care sowie kontinuierliche Weiterbildung des Fachpersonals und seiner Unterstützung mit neuen Technologien.

„Robert Schumann, Gründervater Europas, hat die Bedeutung der Solidarität in Europa hervorgehoben. Nun müssen wir Solidarität zeigen und unsere zukünftige Generation unterstützen, indem wir in Kinder investieren“, so Dragos Pislaru EU-Abgeordneter der Fraktion Renew Europe.